Warum es sich lohnt, gerade das Asana zu üben, das dir schwer fällt

Im Laufe meiner Yogapraxis ist mir immer wieder die Aussage begegnet, dass man sich als Übender immer auf das Asana konzentrieren soll, das einem gerade Schwierigkeiten bereitet, um möglichst viel zu lernen und auf dem Yogaweg voranzukommen. „Ok“, dachte ich mir, „das hört sich in der Theorie logisch an.“ Die Realität auf der Matte sah bei mir dann in der Regel anders aus. Zu Beginn knifflige Asanas wie z.B. Kakasana, die Krähenhaltung haben mich herausgefordert und bald ziemlich Spaß gemacht. Auch Rückbeugen fand ich schon immer toll. Eher lästig waren Vorbeugen, ganz besonders die im Sitzen über beide Beine, weil diese mir wirklich schwer fallen.

Kakasana

Auf Pashcimottanasana oder übersetzt „Die Dehnung des Westens“ (die Körperrückseite wird im Yoga als Westen bezeichnet) hatte ich so gar keine Lust, eher eine gehörige Abneigung, nicht zuletzt wegen meines empfindlichen Rückens. In den vergangenen Monaten blieb mir dennoch nichts anderes übrig als mich auf dieses Asana einzulassen, da ich in meiner aktuellen Ausbildung genau diese Haltung als Hausaufgabe und Lehrprobe in Form eines Loses gezogen habe. Volltreffer! Ganz sanft habe ich mich diesem Asana genähert und damit meiner Körperrückseite. Das richtige Maß war hier besonders entscheidend, denn einmal kurz zu weit nach vorne gebeugt riskiere ich, meinen unteren Rücken aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Pashcimottanasana in rückenfreundlicher Variante (Bauch und Oberschenkel in Kontakt)

Während zwei Monaten fast täglichen Übens und längeren Haltens von Pashcimottanasana haben sich ganz wunderbare Erfahrungen und Erkenntnisse gezeigt. Um nur ein Beispiel zu nennen: Meine Ungeduld, dieses Asana äußerlich einigermaßen gut zu halten hat sich gelegt und eine innere Ruhe hat sich eingestellt. Ich konnte (mal wieder) bewusst erfahren, dass Yoga tatsächlich im Innern stattfindet. Es kommt nicht auf die äußere Form an, sondern die innere Haltung. Da Pashcimottanasana auf besondere Weise die im Alltag unbewusste Körperrückseite anspricht, haben sich außerdem weitere sehr persönliche Dinge gezeigt. Mit der Zeit konnte ich mich auch in dieser Haltung voll und ganz annehmen und die Veränderung in den Alltag mitnehmen.

Im alltäglichen Leben gibt es immer wieder Dinge, die auf den ersten Blick unangenehm sind (aber nötig) oder solche, von denen wir unbewusst wissen, dass sie uns eigentlich weiterbringen. Das Üben eines Asanas, das anfangs deutliche Ablehnung hervorruft kann also die Bereitschaft schulen, auch jenseits der Matte Hindernisse mit Gelassenheit anzunehmen und zu überwinden. Schon Patanjali bezeichnete Abneigung (dvesha) als eines der fünf Leiden (kleshas), die uns auf dem Yogaweg behindern und überwunden werden sollen.

Lust auf Eigenerfahrung?

Probier es doch mal aus! Such dir ein Asana, von dem du weißt, das du es nicht gut kannst (auf rein körperlicher Ebene), überhaupt nicht gerne hältst und übe regelmäßig. Hilfreich ist es dabei, dir tagebuchartig Notizen zu machen und so noch bewusster Veränderungen wahrzunehmen.

Aus meiner Unterrichtserfahrung weiß ich, dass gerade die Krähenhaltung (Kakasana) für viele eine unangenehme Herausforderung ist, weil die Handgelenke, Arme und Schultern stark gefordert sind. Vielleicht ist das gerade jetzt eine Übung für dich? Achte bei dieser Herausforderung (und natürlich auch bei jedem anderen Asana, das dir eher schwer fällt) auf eine gute Vorbereitung, wärme deinen Körper auf, besonders die Bereiche, die hier gefordert sind. Bei Kakasana sind das z.B. die Handgelenke, Hände, Schultern und auch die Rumpfmuskulatur/Core, insbesondere der Beckenboden.

Nutze Hilfsmittel und passe die äußere Form deinen individuellen Bedürfnissen an. Im Fall von Pashcimottanasana habe ich z.B. die Beine angewinkelt und Bauch und Oberschenkel in Kontakt gehalten (rückenschonende Version). Sehr interessant ist es auch, mal darüber zu reflektieren, welche Art von Asana dir schwer fällt (Vorwärtsbeuge, Rückbeuge, Gleichgewichtsübung, etc.) und welche Art Asana du mit Vorliebe übst.

Mein Fazit

Last but not least was mir beim Üben aufgefallen ist: Gerade die Übungen, die mir schwer fallen und in denen ich wahrscheinlich nie an Hochglanzprospekt-Model-Fotos ran komme zeigen bei mir schon nach kurzen Haltephasen intensive innere Erfahrungen. Was für ein Geschenk!

Warum ich Yoga unterrichte

“If you want to learn something, read about it. If you want to understand something, write about it. If you want to master something, teach it.” – Yogi Bhajan

Zu meiner ersten Yogalehrerausbildung bei Yoga Vidya habe ich mich in erster Linie angemeldet, um mehr zu lernen als jede Woche einmal in der Yogastunde. Damals war mir wichtig, herausgelöst aus dem Alltag tief einzutauchen und in geschützter Umgebung, geführt von einer klaren Yogatradition, mehr über mich zu lernen. Und genau das habe ich bei Yoga Vidya in Bad Meinberg erleben dürfen. Ich bin sehr dankbar für diese intensive Zeit und will sie niemals missen.

Gleichzeitig war diese Ausbildung der Grundstein für meine Unterrichtstätigkeit. So nervös ich vor den Lehrproben war, es hat einfach unheimlich viel Spaß gemacht und ich bekam sehr positive Rückmeldungen. Es ist schon eine Herausforderung, nach so kurzer Zeit gleich zu unterrichten, aber rückblickend war es genau richtig, gleich ins kalte Wasser zu springen und über die Jahre Schwimmen zu lernen. Zum Glück hat mich meine damalige Yogalehrerin geschubst 😉 Das obige Zitat ist für mich ein besonderer Ansporn, weiter zu machen und nicht nur von Fortbildungen, sondern natürlich auch von meinen Teilnehmern zu lernen. Und fröhliche, entspannte Gesichter nach der Stunde sind einfach wunderschön.

Mit der Zeit hat sich mein Unterrichtsstil sehr gewandelt. Um neue Impulse zu bekommen, mein anatomisches Fachwissen zu vertiefen und aktuelle Entwicklungen nicht zu verpassen, absolviere ich derzeit die zweite Yogaausbildung an der vh Ulm.

Mein Enthusiasmus und mein Feuer für Yoga, das bereits neun Jahre ungebremst anhält, zeigen mir ganz deutlich, dass ich auf dem richtigen Weg bin.