Lass doch mal das „Müssen“ los… und zeige dich verletzlich

Boothaltung

Ich weiß nicht, wie oft ich schon in einer Yogastunde „lass los…“ gesagt habe. Schnell sind diese beiden Worte gesagt und oft gelingt es mir selbst als Teilnehmerin in einer Stunde tatsächlich etwas ziehen zu lassen. Den Alltagsstress abzuschütteln. Wenn ich dann die Yogamatte verlasse kann es aber trotzdem sein, dass da noch etwas ist, an dem ich arbeiten kann. Eine Erinnerung, die mich verfolgt oder etwas, von dem ich meine, dass ich es dringen tun MUSS.

„Ich muss noch schnell…“ wie oft habe ich diesen Satz gedacht oder auch gesagt und mir damit meist unnötigen Stress bereitet. Bis ich mir irgendwann – einer tollen Übung von Marshall B. Rosenberg sei dank – überlegt habe „muss ich wirklich?!? Oder möchte ich es? Und aus welcher Motivation heraus?“ Das Verb „müssen“ wird hier in „frei wählen“ übersetzt. Die Übung ist nicht ganz einfach, leider erwische ich mich immer wieder dabei, doch etwas zu müssen. Dann formuliere ich schnell einen neuen Satz, um meine Motivation zu prüfen und sage es dann auch laut (und beeindrucke damit meine Kinder ;-)). Und dabei wäre es bei manchen Dingen doch so schön, sie sich direkt am A… vorbei gehen zu lassen, wie Alexandra Reinwarth in ihrem Bestseller so treffend formuliert.

Wie gut, dass ich im Mai eine Auszeit mit meiner Familie hatte und in Italien am Strand (zwischen Eisessen, Sandburgen bauen und Muscheln sammeln ;-)) ein sehr sehr wertvolles Buch lesen konnte, das noch etwas tiefer geht: Brené Brown: Verletzlichkeit macht stark. Hier beschreibt die amerikanische Forscherin und Autorin, wie wichtig Selbstakzeptanz, Authentizität und Achtsamkeit für ein erfülltes Leben ist, oder mit ihren Worten „Leben aus vollem Herzen“. In unserer Gesellschaft ist das Streben nach Leistung und Perfektion stark verankert, Fehler oder vermeintliche Mängel werden nicht gerne eingestanden, aus Angst, nicht gemocht zu werden. Die Folge ist, dass wir uns für alles, was unserer Überzeugung nach nicht gut genug ist (dass uns die Anderen mögen) schämen. Brown rät dazu, mutig zu sein, sich authentisch und verletzlich zu zeigen, um erfüllt zu leben. Das Buch behandelt sämtliche Lebensbereiche, Beziehung, Arbeit, Schule und Erziehung und hat mich tief berührt.

Als Yogalehrerin war es bei all den Hochglanz-Model-Yogabildern in sehr fortgeschrittenen Posen, die Facebook, Instagram & Co. fluten für mich lange Zeit ein Thema, mich damit auseinander zu setzen, wie ich mich zeigen will. „Bin ich gut genug, um Yoga ganz zu meinem Beruf zu machen?“ Der Satz hat mich lange verfolgt und es hat wirklich Jahre gedauert, bis ich sagen konnte „Ich bin Yogalehrerin“ und nicht „ich gebe Yogastunden…“.

Ich bin von Natur aus nicht in allen Bereichen meines Körpers superflexibel. Ich habe keine perfekten Model-Maße und lasse mir gerne mal ein Stückchen Schokolade und einen leckeren Cappuccino schmecken (auch wenn das laut mancher yogischer Ernährungspäpste nicht förderlich für meine Praxis ist). Ich schminke mich nicht extra, wenn ich zum Unterrichten gehe und erzähle (wenn  das Gespräch darauf kommt) wie es mir tatsächlich geht und wie anstrengend es ist, wenn meine Kinder wieder krank sind, der Haushalt aus den Fugen gerät…

Ich hoffe, dass das auch meinen Teilnehmern hilft, zu sehen, dass Yoga zwar eine sehr wirkungsvolle Praxis darstellt, aber es nicht bedeutet, dass sich sämtliche Herausforderungen in Luft auflösen. Mit Yoga stelle ich mich den Herausforderungen und nehme das an, was ich nicht ändern kann (oder will). Andernfalls tappe ich möglicherweise in die Selbstoptimierungsfalle und schaffe mir damit Probleme, die ich nicht hätte, wenn ich mich einfach so angenommen hätte, wie ich eben bin.

Das Titelfoto ist ein Selfie vom Strand in Italien, aufgenommen mit einer älteren Kamera und Mini-Stativ. Das Asana – Paripurna Navasana, die volle Boothaltung – ist meiner Meinung nach so nicht perfekt ausgerichtet, der Kopf zu weit angehoben, die Beine zu tief, aber mein Körper konnte es in dem Moment nicht besser und muss es auch nicht  🙂 So ist es meine persönliche Variante des Asanas, das ich zumindest ein paar Atemzüge mit hochgezogenen Mundwinkeln halten kann. Und mit der Kraft, die mich in diesem Asana trägt lasse ich die Vorstellung los, perfekte Asanas darstellen zu müssen, um auf dem Yogaweg voran zu kommen.

Namasté

Elisabeth

Sowohl das Buch, als auch die TED-Talks von Brené Brown kann ich sehr empfehlen.